Erster Titel für Thomas Müller schon weg? Klare Niederlage der Vancouver Whitecaps im Champions Cup

Zu viele Fehler, einige Änderungen in der Startelf und wenig Ideen – die Analyse zum 0:3 gegen die Seattle Sounders.

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Chaehyun Lim

Sørensen rotiert

„Die erste Hälfte der Saison dreht sich um den Champions Cup“, sagte Thomas Müller vor einigen Tagen. Dass sein Trainer Jesper Sørensen das womöglich etwas anders sehen könnte, ließ seine Startaufstellung beim Achtelfinal-Hinspiel der Vancouver Whitecaps bereits andeuten. Denn im Vergleich zum überzeugenden 4:1-Sieg in der MLS bei den Portland Timbers nahm der 52-Jährige gleich mehrere Änderungen vor, die sich letztlich im Spiel und im Ergebnis widerspiegelten: Die Kanadier verloren deutlich mit 0:3.

Löchriges Pressing

„Es war meine Entscheidung, einige Änderungen in der Aufstellung vorzunehmen. Natürlich beeinflusst das etwas den Rhythmus“, musste sich Sørensen nach der Niederlage eingestehen. Müller selbst stand nicht nur in der Startelf, sondern auch über die vollen 90 Minuten auf dem Feld. Nichtsdestotrotz war gleich von Beginn an zu erkennen, dass die erste Elf ohne Brian White, AZ Jackson, Andre Cubas und Ralph Priso wenig aufeinander abgestimmt wirkte. Das ansonsten so griffige Pressing der Whitecaps war zu löchrig. Immer wieder klafften große Lücken hinter der ersten Pressinglinie um Müller, die Zuordnungen stimmten teilweise nicht.

Das ermöglichte es einerseits den Gästen aus Seattle, sich immer wieder aus dem Druck zu befreien und anschließend Tempo aufzunehmen. Andererseits eroberten die Whitecaps in der Anfangsphase nur wenige hohe Bälle und konnten dementsprechend keine wirkliche Dominanz und Spielkontrolle entwickeln. Stattdessen kamen die Sounders immer wieder zu gefährlichen Angriffen. Nach gut der Hälfte des ersten Durchgangs wäre eine Führung der US-Amerikaner nicht unverdient gewesen.

Ideenloser Ballbesitz

Sørensens Mannschaft agierte in ihrem gewohnten 4-2-3-1, in dem der inverse Linksverteidiger Tate Johnson mit seiner Positionierung darüber bestimmte, ob man in einem 2-3- oder 3-2-Aufbau spielte. Seattle versuchte mit einem engen 4-4-2 gegen den Ball die Wege durchs Zentrum zu schließen, was gut funktionierte. So musste Müller häufig auf den Flügel ausweichen, um an Ballkontakte zu kommen. Auch der formstarke Spielgestalter Sebastian Berhalter kam nur selten in aussichtsreichen Räumen an den Ball.

Demzufolge endeten viele Angriffe von Vancouver auf den Flügeln. Kombinierte man sich dann doch mal in aussichtsreiche Positionen, fehlte häufig der letzte Pass oder Abschluss. Wie gefährlich es werden kann, wenn Müller im zentralen Raum vor dem gegnerischen Strafraum an den Ball gelangt, zeigte die 32. Minute, als er einen Ball geistesgegenwärtig auf die freie linke Seite weiterleitete. Kenji Cabreras Abschluss war letztlich aber zu harmlos.

Nackenschlag vor der Pause

Bitter: Gerade als die Whitecaps sich ab Mitte des ersten Durchgangs stabilisierten, insbesondere das Gegenpressing besser griff und man den Gegner mehr und mehr einschnürte – zugegebenermaßen ohne gute Chancen zu kreieren –, geriet man kurz vor dem Pausenpfiff in Rückstand. Ein zu kurz geratener Rückpass von Innenverteidiger Mathías Laborda – nicht das erste Mal von ihm in dieser Saison – wurde von Seattle eiskalt zur Führung genutzt. Trotz nur 41 Prozent Ballbesitzes war diese angesichts der höheren Chancenqualität bei 7:7 Abschlüssen zur Halbzeit nicht völlig unverdient.

Fehler im Pressing führen zu Gegentoren

In der zweiten Halbzeit war anzumerken, dass sich Kapitän Müller zeigen wollte. So wich er nicht nur auf die Flügel aus, sondern bot sich auch mal zentral in tieferen, aber eben ungefährlichen Räumen an. Zu richtigen Torchancen kamen die Whitecaps dennoch nicht. Auf der anderen Seite markierte Seattle dafür in der 58. Minute das 0:2. Wieder einmal war ein unkoordiniertes Pressing der Auslöser: Gleich vier Whitecaps-Spieler orientierten sich auf einen Gegenspieler, der sich dennoch lösen konnte. Daraufhin fanden die Gäste sehr viel Raum auf dem rechten Flügel vor – und eine hohe kanadische Kette, wodurch man letztlich auch mit etwas Glück zum Torerfolg kam.

Nachdem nach der Pause schon Ralph Priso für Tristan Blackmon eingewechselt worden war, versuchte Sørensen mit Flügelspieler Cheick Sabaly und Sturmführer White für frischen Wind zu sorgen. Ohnehin schien die Connection zwischen dem engagierten White-Ersatz Rayan Elloumi und Müller sowohl mit als auch gegen den Ball noch nicht so zu funktionieren. Den Wendepunkt sollte dieser Doppelwechsel allerdings nicht bringen. Die größte Whitecaps-Chance zum Anschlusstreffer erfolgte nach einer Ecke, zuvor versuchte es Müller nach einer Flanke per Kopf. Die zündenden Ideen gegen einen tiefen Sounders-Block fehlten weiterhin.

Unmittelbar nach der Doppelchance nach Ecke folgte dann der nächste Nackenschlag. Wieder sorgte fehlende Abstimmung im Pressing dafür, dass der Raum hinter Linksverteidiger Johnson verwaist blieb. Ähnlich wie schon beim 0:2 führte dies – ebenfalls wieder mit etwas Glück – zum 0:3.

Müller verpasst Anschluss

Daraufhin belagerten die Whitecaps das letzte Drittel, ohne wirklich Torgefahr auszustrahlen. Mit der vorletzten Aktion wäre Müller dann fast noch der nicht unwichtige Anschlusstreffer gelungen. Mit etwas Glück landete der Ball vor den Füßen des 36-Jährigen, der die nicht ganz einfach zu nehmende Kugel allerdings nur gegen die Latte setzte.

So stehen die Vancouver Whitecaps nun vor einer Mammutaufgabe für das Rückspiel in der kommenden Woche in Seattle. Dort gilt es, in Anbetracht der im Champions Cup vorherrschenden Auswärtstorregel, einen Drei-Tore-Rückstand aufzuholen. Der erste Titel scheint nach diesem Hinspiel aber bereits in weiter Ferne – wenngleich das Ergebnis angesichts von 17:10 Schüssen pro Heimteam etwas zu hoch ausfiel.

Am Sonntag kommt es für Thomas Müller in der MLS zu einem Wiedersehen mit einem ehemaligen FC-Bayern-Spieler. Vor heimischer Kulisse treffen die Whitecaps auf Minnesota United und James Rodríguez, der vor wenigen Wochen nach Amerika wechselte und sein Debüt feiern könnte.